Lieber Vorsitzender,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Gäste hier und im Live stream
Es ist schon bezeichnend die MA11 hat in der Debatte heute fast keinen Raum bekommen –
die Lage in der Wiener Kinder- und Jugendhilfe ist seit Jahren angespannt – und auch 2025 hat sich daran nichts verbessert. Im Gegenteil.
Die Zahlen sind eindeutig: Die Gefährdungsabklärungen steigen, gleichzeitig sinkt der Personalstand. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Versäumnisse.
In den Einrichtungen arbeiten Mitarbeiter:innen am Limit, Ruhezeiten werden nicht eingehalten, der Stadtrechnungshof warnt wiederholt. In den Krisenzentren zeigt sich das Systemversagen besonders deutlich: Statt acht Kinder werden bis zu 13 betreut. Kinder in akuten Krisen bekommen so nicht den Schutz, den sie brauchen. Und Fachkräfte können nicht die Qualität leisten, für die sie ausgebildet sind.
Ein besonders drastisches Beispiel: Säuglinge mussten im Herbst bei Mitarbeiter:innen untergebracht werden, weil geeignete Plätze fehlten. Das als „Zusammenhalt“ zu verklären, verkennt die Realität. Das ist ein Notbetrieb – auf Kosten von Kindern und Personal.
Was es jetzt braucht, ist keine Beschwichtigung, sondern eine echte Qualitätsoffensive in der Kinder- und Jugendhilfe:
- 35‑Stunden‑Woche bei vollem Lohnausgleich, damit der Beruf überhaupt haltbar ist
- Faire Bezahlung und konsequente Einhaltung der Ruhezeiten
- Verbindliche Einzelsupervision für alle Teams in Krisenzentren und WGs
- Vorrang für kleine, stabile Betreuungssettings statt übergroßer Wohngruppen
- Klare Einhaltung der Maximalbelegung in Krisenzentren und ein adäquater Betreuungsschlüssel
- Verlässliche Personalgewinnung durch konsequente Safe‑Recruitment‑Standards
Aber wir müssen auch über ein strukturelles Unrecht sprechen, das in Wien Realität ist:
Die Kinder- und Jugendhilfe arbeitet mit einem Zwei-Klassen-System.
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden systematisch schlechter gestellt. Sie erhalten geringere Tagsätze, leben in größeren Gruppen und haben schlechteren Zugang zu Bildung und Therapie. Das ist sachlich nicht begründbar – und politisch nicht akzeptabel.
Diese Jugendlichen haben keine Eltern, keine familiären Netzwerke. Sie sind vollständig auf den Schutz der Stadt angewiesen. Gerade sie brauchen stabile Rahmenbedingungen, individuelle Betreuung und echte Zukunftsperspektiven. Stattdessen werden sie in überfüllten Einrichtungen mit oft mehr als 15 Jugendlichen untergebracht. Individualisierte Betreuung ist dort kaum möglich.
Auch die Volksanwaltschaft bestätigt: Die Standards für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge liegen deutlich unter jenen der regulären Kinder- und Jugendhilfe. Das widerspricht jedem Gleichbehandlungsgrundsatz – und es widerspricht Ihrem eigenen Anspruch, dass jedes Kind in Wien die gleichen Chancen haben soll.
Deshalb ist klar: Tagsätze dürfen sich nicht nach Herkunft richten, sondern nach dem Bedarf.
Mit unserem Antrag fordern wir, dass alle Kinder und Jugendlichen in Wien – vom ersten Tag an – Zugang zu den gleichen Standards der Kinder- und Jugendhilfe erhalten.
Wien hat sich zur Europäischen Kinderrechtsgarantie verpflichtet. Diese verpflichtet uns, allen Kindern bestmögliche Bedingungen für Schutz, Gesundheit und Bildung zu bieten.
Nehmen Sie diese Verpflichtung ernst. Beenden Sie die Zwei‑Klassen‑Kinder- und Jugendhilfe. Und sorgen Sie endlich dafür, dass jedes Kind in Wien tatsächlich die gleichen Chancen hat.
Danke.