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Schlagwort: Klima Biennale

Sparpolitik und demokratischer Diskurs

Rede im Gemeinderat, am 20.1.26 – zum Schwerpunkt Kultur

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Kollegen und Kolleginnen, Liebe Zusehende im Live Stream,

wir reden heute über Einsparungen im Kulturbereich – aber in Wahrheit geht es um etwas anderes:  Es geht darum, wie viel #Demokratie wir uns als Stadt noch leisten wollen.

Sparpolitik und demokratischer Diskurs

Wenn im Kulturbereich gekürzt wird, trifft es nie nur „Programme“ oder „Events“, sondern genau jene Orte, an denen eine Gesellschaft lernt, Konflikte zivilisiert auszutragen, Widersprüche auszuhalten und neue Perspektiven zu entwickeln. Sparpolitik im Kulturbereich bedeutet deshalb immer auch Sparpolitik an demokratischer Praxis.

Das #Depot ist ein solcher Ort: Ein offener Raum, an dem zivilgesellschaftliche Initiativen, Wissenschaft, Kunst und Politik in einen Dialog treten, der sonst oft gar nicht stattfindet. Wer hier das Budget zurückfährt, reduziert nicht „nice to have“, sondern beschneidet gelebte Diskurskultur.

Depot und Klimabiennale

Gerade jetzt, wo sich die Klimakrise zur Klimakatastrophe zuspitzt, sind Foren wie die Klimabiennale unverzichtbar. Sie beschäftigt sich mit dem vielleicht wichtigsten Zukunftsthema der aktuellen Generation – mit Strategien, wie wir dieser Krise kollektiv begegnen können.

Dass Projekte wie das Depot und die #Klimabiennale „mit weniger auskommen“ sollen, ist politisch kurzsichtig. Eine Stadt, die hier spart, spart an ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit und nimmt insbesondere jungen Menschen Räume, in denen sie ihre Ängste, ihre Wut, aber auch ihre Hoffnung artikulieren können.

#Künstlerhaus unter Druck – Freiheit der Kunst

Gleichzeitig stehen Institutionen wie das Künstlerhaus massiv unter Druck.
Eine Ausstellung, die ausdrücklich nicht auf billige Provokation zielt, sondern einen differenzierten Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und religiöser Erfahrung eröffnet, wird mit Vorwürfen von Gotteslästerung und gezielter Herabwürdigung überzogen. Auch Sie liebe Kollegen der ÖVP  und der FPÖ unterstützen, diese polemische Kampagne gegen die Diskurs-Freiheit der Kunst.

Diese Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ stellt Fragen, die in einer pluralen, modernen Gesellschaft gestellt werden müssen: Wie erleben wir Religion heute, wenn Kunst vertraute Symbole neu deutet; wie kann Glaube in einer komplexen Gegenwart sichtbar werden.
Wer hier sofort nach Zensur, nach Schließung der Ausstellung oder nach Demütigung der Kuratorinnen ruft, stellt sich nicht auf die Seite der Tradition, sondern auf die Seite der Einschränkung von Grundrechten.

Die #Freiheit der Kunst ist kein Luxus, den man sich in guten Jahren leistet und in schlechten Jahren opfert. Sie ist ein verfassungsrechtlich geschützter Kernbereich demokratischer Gesellschaften – und sie braucht Räume, Budgets und den politischen Rückenwind, um Konflikte sichtbar zu machen, statt sie zu verdrängen.

Sparmaßnahmen, die genau dort ansetzen, wo kritische, unbequeme Diskurse stattfinden, sind mehr als technische Budgetkorrekturen. Sie verschieben die Grenze des Sag- und Zeigbaren; sie schaffen ein Klima der Einschüchterung, in dem sich Kuratorinnen, Künstler und Institutionen fragen, ob sie sich bestimmte Themen überhaupt noch leisten können.

Lueger-Denkmal: Erinnerungspolitik ernst nehmen

Vor diesem Hintergrund ist ein zweiter Schauplatz in Wien besonders aufschlussreich: der Dr.-Karl-Lueger-Platz. Die Statue Luegers wird aktuell abgebaut, gereinigt und soll anschließend in einer „Schieflage“ von 3,5 Grad wieder aufgestellt werden – eine Kontextualisierung, die rund 500.000 Euro kosten soll.

#Lueger ist wissenschaftlich klar als Gallionsfigur des polemischen #Antisemitismus beschrieben; Studierende, Wissenschaft, Anrainerinnen und die jüdische Community protestieren seit Jahren gegen seine prominente Ehrung im Zentrum der Stadt. Dass dieser Mann im Jahr 2026 immer noch eine derart große Bühne im öffentlichen Raum erhält, ist für viele Jüdinnen und Juden ein Schlag ins Gesicht.
Lia Guttmann, von der JÖH jedenfalls kritisiert die Form der Kontextualisierung mit der Schrägstellung „und dass er weggenommen wird, um geputzt zu werden, noch viel weniger.“

Die gewählte Form der „Kontextualisierung“ – eine teure Schrägstellung – bleibt hinter der historischen Verantwortung zurück.

Persönlich finde es ja durchaus interessant, den Platz beim Stubentor mal ohne Lueger auf sich wirken lassen zu können. Hier haben wir eine historische Chance! Erstmals seit 1926!!! Nutzen sie diese, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Wenn der teure Abtransport schon erfolgt ist, wäre es jetzt eine gute Möglichkeit, das schwere, aber fragile Objekt auch anderswo zu parken.
Wie ich mir das genau vorstelle?

Ich hab das schon erzählt, wiederhole es gerne für sie hier: in Berlin wurde in derZitadelle Spandau Berlin eigens ein Museum für solche belasteten Figuren eingerichtet. „ENTHÜLLT – Berlin und seine Denkmäler“, heißt die Sammlung. Ich empfehle Ihnen allen sich das mal vor Ort anzusehen.
Hier werden sie gezeigt und in historischen Zusammenhang gestellt. Ihre Geschichte wird bewahrt, ohne die Figuren weiter als ehrenvolle Helden zu präsentieren. So einen Umgang wünsche ich mir auch für Wien.

Kurz: Wenn der kostspielige Abtransport ohnehin erfolgt, wäre es eine Chance, das Denkmal nicht wieder als monumentale Ehrenfigur ins Stadtzentrum zurückzubringen, sondern seine Geschichte an einem anderen Ort kritisch und museal zu bearbeiten – so, wie es etwa in Berlin mit belasteten Figuren geschieht.

Es ist mir klar, dass so ein neuer musealer Ort eine längere Planung braucht.

Viel einfacher umsetzbar ist dagegen eine Änderung, die wir mit unserem Antrag vorschlagen:
Eine Umbenennung des Dr. Karl Lueger Platzes!  Nicht von oben herab soll ein neuer Name vorgeschlagen werden – oktroyiert werden, sondern ganz im Gegenteil: es gilt einen Namen unter Beteiligung der Bevölkerung zu finden. In einem Partizipativen Prozess:

Graz hat es geschafft, die Dr.-Karl-Lueger-Straße mit eben so einem partizipativen Prozess in Maria-Matzner-Straße umzubenennen. Was Graz kann, sollte Wien doch ebenso können: mit Mut zu einer klaren, erinnerungspolitisch verantwortlichen Entscheidung.

Ein solcher Prozess würde zweierlei ermöglichen:

  • Eine breite Auseinandersetzung mit der historischen Figur Karl Lueger, die weit über symbolische Minimalgesten hinausgeht.
  • Eine stärkere Identifikation der unmittelbaren Nachbarschaft mit diesem Ort und seiner neuen, demokratisch verantworteten Bedeutung.

#Erinnerungspolitik darf kein Feigenblatt sein. Eine Stadt, die sich ihrer Geschichte stellt, sowie Kunst- und Diskursräume schützt, braucht mutige Entscheidungen – bei der Kulturfinanzierung genauso wie im Umgang mit ihren Denkmälern. Trauen Sie sich, dieser Verantwortung gerecht zu werden, und stimmen.

Kurz was sind meine konkreten Forderungen

  1. Keine Budgetkürzungen bei kritischen Kunst- und Kulturräumen, sondern verlässliche Finanzierung und politischer Rückhalt für deren diskursive Arbeit
  2. Klare Absage an Zensur- und Einschüchterungsversuche gegenüber Kunstinstitutionen und ausdrückliche Sicherung der Freiheit der Kunst als verfassungsrechtlich geschützter Kern demokratischer Praxis
  3. Ein erinnerungspolitisch konsequenter Umgang mit Karl Lueger: kein Weiterbestehen als Ehrenfigur im Stadtzentrum, stattdessen museale Kontextualisierung sowie partizipativ vorbereitete Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Platzes.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit

 

Antrag Umbennung Lueger Platz

 

 

 

 

 

 

Kultur und Nachhaltigkeit – fair, sozial, klimagerecht

Ein Nachbericht.

Am 15. Februar 2024 fand zum 2. Mal der kulturelle Neujahrsempfang im Wappensaal des Wiener Rathauses statt.

Video zur Veranstaltung.

Die Kunst wird traditionell eher dem Schönen und Guten zugerechnet. Sie verbreitet Ideen, entwirft Visionen und – was wir gerade besonders brauchen können – kann Hoffnung geben. Wir erleben gerade eine unglaubliche Transformation: der vergangene Jänner war der wärmste seit der Messegeschichte – weltweit wurde ein Anstieg der Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad gemessen. Mehr sollte es eigentlich nicht mehr werden – wenn wir die Welt wie wir sie heute kennen erhalten wollen.  Gestern wurden die neuersten Erkenntnisse präsentiert, was passiert, wenn der Golfstrom versiegt und er ist dabei zu versiegen. – auch wir hier in Europa und wir hier in Wien, müssen uns auf massive klimatische Veränderungen gefasst machen. Das zeigt: wir haben dringenden Handlungsbedarf! Wir müssen unseren Lebensstil massiv verändern, den Ressourcenverbrauch einschränken. Wenn wir in Europa und in Nordamerika das nicht schaffen, wird es weltweit katastrophale Folgen haben: soziale wie auch ökologische. Um so eine Transformation zu schaffen, braucht es immer dringender kreative Perspektiven und Lösungen.

Es braucht Menschen, die Visionen entwickeln können und positive Zukunftsbilder zeigen. Es braucht Hoffnung. Und es braucht konkrete Ideen wie ein gutes Leben für möglichst viele erreichbar ist! Das Ziel des Nachmittages ist das Thema Nachhaltigkeit mit unterschiedlichen Sinnen erfahrbar zu machen.

Ziel ist es zwei wesentliche Dimensionen der Nachhaltigkeit herauszuarbeiten:  Die soziale Nachhaltigkeit auf der einen Seite heraus zu arbeiten, also wie schaffen wir gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und Vereinbarkeit für KünstlerInnen und Künstler , und wie schaffen wir gleichzeitig auch eine ökologische Nachhaltigkeit, im Sinne von Ressourcenschonung.

Beide Dimensionen hängen eng miteinander zusammen – nur wenn ökologische Veränderungen mit sozialen Veränderungen einhergehen, können wir sinnvolle Wege aus der aktuellen Krise finden.

Transformation braucht immer Solidarität!

Wir wollen heute nicht nur vom ökologischen Fussabdruck reden – also von all dem Ressourcenverbrauch, der schon stattgefunden und den wir dringend verkleinern müssen.

Wir wollen auch hoffnungsvoll das Konzept des ökologischen Handabdrucks vorstellen: Der ökologischen Handabdruck hat einen solidarischen Aspekt. Er steht für die Aktivitäten einer Person, die nicht nur die eigenen Umweltauswirkungen verringert, sondern auch die von anderen Personen.
Der Handabdruck besagt, dass wir alle – auf unterschiedliche Weise – wirksam werden können. Der Handabdruck zeigt auch auf, was schon gelungen ist. Und diese Handlungsfähigkeit macht Hoffnung!

Für diesen nachmittag habe ich zu 2 Podien geladen. Geladen wurden Expert:innen aus Theater, Tanz , Performance, bildender Kunst, Musik, Film und den
Fachvertretungen diskutierten in zwei Podiumsrunden Perspektiven und Lösungen der sozialen und der ökologischen Nachhaltigkeit.

Darüber hinaus konnte das Thema Nachhaltigkeit mit der Wander-Ausstellung WASTE-ART auch sinnlich zugänglich gemacht werden.

150 Teilnehmer:innen aus der Kunst- und Kulturszene  spricht für großes Interesse an dem Thema und für dessen Brisanz im heutigen kulturpolitischen Diskurs.

Im ersten Podium „Handabdruck stärken – Soziale Nachhaltigkeit“
diskutierten Interessenvertreter:innen und Expert:innen wie Yvonne Gimpel (IG Kultur), Veronika Steinböck (PAKT & Kosmos Theater), Ivana Pilic (d/arts – Projektbüro für Diversität und urbanen Dialog), Katharina Zabransky & Regina Erben-Hartig (DanceAbility), Sithara Pathirana (Klima-Biennale Wien) und Sabine Gretner (Superar) über die vielfältigen Herausforderungen für mehr Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb.
Diese reichen von Fair Pay und damit einhergehende angepasste Fördermittel, Niederschwelligkeit sowie Barrierefreiheit von Kunst- und Kulturangeboten, kulturelle Bildung im Kinder- und Jugendalter sowie die Forderung nach mehr Diversität in Strukturen von Kunst- und Kulturorganisationen. Moderiert wurde diese Diskussionsrund von Fariba Mosleh. Wie viel noch im Sinne
einer Gleichstellung und Solidarität zu tun ist, zeigte sich schon in der Vorbereitung zur
Veranstaltung: damit Katharina Zabransky, eine DanceAbility Trainerin und Aktivistin mit ihrem E-Roll, auf der Bühne im Podium sprechen kann, musste eine eigene Rampe angemietet werden. Das Wiener Rathaus besitzt bis dato keine flexiblen
Rampen, um Menschen in Rollstuhl das Erklimmen der Bühne zu ermöglichen.

Das Podium zum zweiten Thema „Fußabdruck verkleinern – ökologische Nachhaltigkeit“ setze sich aus Aktivist:innen und Nachhaltigkeits-Expert:innen zusammen.
Es diskutierten Maria C. Holter (Artists for future), Jonathan Gabler (Music declares
emergency Austria), Wiebke Leithner (Burgtheater; Nachhaltigkeits-beauftragte),
Claudius Schulze (Klima-Biennale Wien), Angelika Fitz (AZW, care + repair) sowie Claudia Wohlgenannt (Filmbranche Plan C, green producing) über die Möglichkeiten einer nachhaltigeren Kunst- und Kulturproduktion. Was heute schon geschafft wird, wo die Herausforderungen liegen, und was gebraucht wird, um diese für Zukünftige Produktionen bestmöglich zu meistern. Schwerpunkt der Fragen von Barbara Neundlinger war dabei z.B. die Möglichkeiten von Ressourcenschonung durch Mehrfachnutzung im Ausstellungbetrieb und bei Bühnenbildern und Kostümen, Tauschbörsen für Requisiten, Second-Hand Nutzung bereits im Umlauf befindlicher Materialien. Aber auch positive Modelle wie das Greenproducing, das Filmfirmen mit spezifischen Incentives zu nachhaltigeren Produktionen motiviert. Auch Modelle für Grünere (Musik)Festivalkultur wurden vorgestellt.

Das künstlerische Rahmenprogramm war so vielfältig wie die Diskutant:innen in den Panels und unterstrich die Intention der Veranstaltung. Ziel war das Thema Nachhaltigkeit auch sinnlich erfahrbar zu machen.
Kuratorin und Künstlerin Ina Loitzl hat einen Teil der Ausstellung
WASTE ART, die sie gemeinsam mit verschiedenen Künstler:innenrealisiert hat, präsentiert. WASTE ART stellt die Schönheit der Objekte in den Fokus und betont die
Bereitschaft zur materiellen Wiederbearbeitung. Künstlerinnen und Künstler haben seit jeher mit Trash, Abfall, Second-Hand- Materialien gearbeitet – sei es aus
finanziellen, praktischen Gründen, oder dem Anlass heraus, sich von der „hohen Kunst“
abzuwenden und zu distanzieren. Besonders in den letzten Jahrzehnten entwickelten sich zahlreiche Bewegungen wie Recycling, Up-Cycling, Zero Waste, etc. mit dem Ziel Dinge haltbarer zu machen und dem überbordenden Konsum und dem Wegwerfhabitus unserer Zeit entgegenzuwirken. Nikki Schuster arbeitet in ihren Werken mit Müll von
der Straße und hat daraus surreale Figuren gebaut. Gudrun Lenk-Wanes Arbeit besteht aus Hangings, die aus gesammeltem Müll bestehen. Irene Wölfl flechtet in ihrer Kunst
Plastikplanen und Ina Loitzl selbst hat sich mit dem Thema Plastik und Ozeane intensiv künstlerisch auseinandergesetzt.

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