{"id":2146,"date":"2025-07-10T11:39:59","date_gmt":"2025-07-10T09:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ursulaberner.at\/webauftritt\/?p=2146"},"modified":"2025-08-26T11:40:56","modified_gmt":"2025-08-26T09:40:56","slug":"rede-zum-restitutionsbericht-der-stadt-wien-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ursulaberner.at\/webauftritt\/rede-zum-restitutionsbericht-der-stadt-wien-2024\/","title":{"rendered":"Rede zum Restitutionsbericht der Stadt Wien 2024"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Vorsitzende,<\/p>\n<p>sehr geehrte Frau Stadtr\u00e4tin,<\/p>\n<p>sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,<\/p>\n<p>Wir werden der Kenntnisnahme zum Restitutionsbericht zustimmen \u2013 weil ehrlich gesagt, gelesen habe ich den Bericht ja.<br \/>\nAber wir haben einige Kritikpunkte.<br \/>\nEs ist mir ein Anliegen, dass die hier \u00f6ffentlich werden.<\/p>\n<p><strong>Was in den 2000ern engagiert begonnen hat, ist mittlerweile zur Pflicht\u00fcbung verkommen.<\/strong><\/p>\n<p>Ein kurzer R\u00fcckblick \u2013 f\u00fcr alle die, nicht Ausschuss sind und den Hintergrund nicht so pr\u00e4sent haben:<\/p>\n<p>Nach dem 2 Weltkrieg gab es in \u00d6sterreich und insbesondere in Wien, keine gro\u00dfen Anstalten durch die Nazis geraubte Objekte \u2013 Kunstgegenst\u00e4nde, Wohnungen, B\u00fccher und mehr &#8211; wieder an die urspr\u00fcnglichen BesitzerInnen zur\u00fcck zu geben.<\/p>\n<p>Ein <strong>entscheidender Wendepunkt kam Ende der 1990er Jahre<\/strong>: Der internationale Druck nach prominenten Restitutionsf\u00e4llen (wie der Beschlagnahmung von Schiele-Gem\u00e4lden in New York 1997) f\u00fchrte 1998 zum Bundes-Kunstr\u00fcckgabegesetz und 1999 zu einem analogen Gemeinderatsbeschluss f\u00fcr Wien. Damit verpflichtete sich die Stadt, unrechtm\u00e4\u00dfig erworbene Objekte an die urspr\u00fcnglichen Eigent\u00fcmer:innen oder deren Erben zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p>Seither haben wir j\u00e4hrlich einen Restitutionsbericht im Ausschuss \u2013 etwa 3.200 Objekte wurden mittlerweile restituiert. Allerdings: <strong>Je l\u00e4nger der Beschluss vorbei ist aber, desto schleppender gehen weitere R\u00fcckgabeprozesse.<\/strong><\/p>\n<p>Woran lese ich ab, dass das Erstellen des Berichts bzw die dahinter stehende Arbeit mittlerweile nur mehr als l\u00e4ssliche Pflicht betrachtet wird?<\/p>\n<p>Ich streiche ein paar Punkte heraus.<\/p>\n<ol>\n<li>Die Person, die in den Ausschuss eingeladen wurde, um Unklarheiten aus dem Bericht zu erkl\u00e4ren, beantwortet konsequent keine Frage zu Objekten aus der Bibliothek \u2013 weil sie daf\u00fcr nicht zust\u00e4ndig ist.<\/li>\n<li>Es finden sich mehrerer Abs\u00e4tze, die offenbar Jahr f\u00fcr Jahr einfach weiter kopiert werden, ohne dass 1 Jahr lang essenzielle Arbeit oder Nachforschung passiert w\u00e4re<\/li>\n<li><em><strong>21 Objekte, die von der VUGESTA<\/strong><\/em> &#8211; <em>der <\/em>Verwaltungsstelle j\u00fcdischen Umzugsgutes der Gestapo \u2013 also von dieser Stelle geraubt! &#8211; als sogenanntes anonymes j\u00fcdisches Verm\u00f6gen angekauft wurden. Sie sind laut Gemeinderatsbeschluss dem Nationalfonds zu \u00fcbereignen \u2026<br \/>\nDie <strong><em>Frage bleibt : Wann werden die dem Nationalfonds \u00fcbergeben? <\/em><\/strong>Was wird dazu unternommen sie zu \u00fcbernehmen?<br \/>\nDie Ver\u00e4u\u00dferung der Objekte sollte ja vor allem den \u00fcberlebenden Opfern zu Gute kommen, nur die werden bald alle verstorben sein.<\/li>\n<li>Es bleibt nicht nachvollziehbar warum, Besitzt\u00fcmer der Familie Menzel aus dem Bund schon 2021 refundiert werden konnten, w\u00e4hrend <em><strong>dieselbe Familie f\u00fcr die Wiener Restitutionsforschung angeblich unerreichbar<\/strong> <\/em>ist.<\/li>\n<li>Es ist erfreulich, dass Fehler in der Recherche um Teresa Fedorowa Ries im heurigen Bericht erg\u00e4nzt werden konnten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wer war das? Teresa Feodorowna Ries war um 1900 eine gefeierte Bildhauerin und Malerin, die als J\u00fcdin und Frau jedoch w\u00e4hrend der NS-Zeit aus dem kulturellen Ged\u00e4chtnis Wiens verdr\u00e4ngt wurde. Ihre wichtigsten Werke, darunter das ber\u00fchmte Selbstbildnis und vier Skulpturen (u.a. \u201eDie Hexe\u201c), \u00fcberstanden Krieg, Vandalismus und jahrzehntelange Vernachl\u00e4ssigung und befinden sich heute im Wien Museum<br \/>\nDie grundlegende Frage, wem die \u201e<a href=\"https:\/\/www.immuseum.at\/hexe-beim-zehennaegelschneiden-im-wien-museum\/\">Hexe bei der Toilette zur Walpurgersnacht<\/a>\u201c\u00a0 aber nun wirklich geh\u00f6rt -, konnte 2024 leider wieder nicht gekl\u00e4rt werden.<br \/>\nwarum?<\/p>\n<p><em>Zitat aus dem rstitutionsbericht: Um es einzusehen, br\u00e4uchte es aber die Genehmigung der \u201eCommissione per il notariato\u201c, der Notariatskammer in Lugano. Dieser Auskunft folgten etliche Versuche von Ulrike Hirhager und Michael Wladika, diese Institution per Telefon oder E-Mail zu erreichen. Es gibt weder einen Anrufbeantworter noch eine Empfangsbest\u00e4tigung f\u00fcr die eingegangenen E-Mails. Deshalb wurde am 4. September 2024 Christoph Thun-Hohenstein, Sektionschef der Sektion \u201eInternationale Kulturangelegenheiten\u201c des \u00f6sterreichischen Au\u00dfenministeriums, um Unterst\u00fctzung bei den laufenden Bem\u00fchungen ersucht. Im Berichtszeitraum ist keine Antwort eingelangt. <\/em><\/p>\n<p><strong>Sorry die Stadt Wien schafft es trotz aller diplomatischen Beziehungen nicht in ein Testament Einsicht zu nehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Thun Hohenstein ist schon seit Monaten nicht mehr im Amt! Seither ist es nicht gelungen seine Nachfolgerin <strong>Regina Rusz <\/strong>zu kontaktieren und nachzufragen??<\/p>\n<p><em><strong>Das wirkt leider eher, als w\u00e4re es sehr im Interesse der Stadt und des Wien Museums, das attraktive Objekte einfach weiter als Anziehungspunkt auszustellen \u2013 und als Eigentum zu betrachten?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Hexe \u00a0ist tats\u00e4chlich eine beeindruckende Statue.<br \/>\nEs w\u00e4re aber zu w\u00fcnschen, dass vor Ort im Wien Museum zumindest auch der KONTEXT um die unklaren Besitzverh\u00e4ltnisse \u00f6ffentlich dargestellt wird.<\/p>\n<p>Eigentlich erz\u00e4hlen ja gerade diese unklaren Besitzverh\u00e4ltnisse sehr viel \u00fcber die Geschichte in \u00d6sterreich, \u00fcber die lange Verweigerung der politisch Verantwortlichen in unserer Republik und unserer Stadt sich mit geraubter Kunst auseinander zu setzen, und \u00fcber den schwierigen Weg bis auch das offizielle \u00d6sterreich sich der eigenen Verantwortung bez\u00fcglich der Auswirkungen des Nationalsozialismus stellte.<\/p>\n<p>Die Aufarbeitung bez\u00fcglich der eigenen Schuld hat in \u00d6sterreich eh lange genug gedauert \u2013 ich sage nur das Stichwort Waldheim. Das war 1986! Immerhin 41 Jahre nach Kriegsende!<br \/>\nErst 1991 entschuldigte sich Vranitzky \u00f6ffentlich, er erkannte die \u00f6sterreichische Mitschuld\u00a0 an der Nazidiktatur und des damit einhergehenden Holocaust an und relativierte damit endlich die sogenannte \u00f6sterreichische Opferthese.<\/p>\n<p>Der <em><strong>Fall der Restitutionsfrage<\/strong><\/em> um die Kunstwerke von Teresa Fedorowa Ries wird mittlerweile auch <strong><em>international<\/em> <\/strong>als Beispiel f\u00fcr <em><strong>die strukturellen Schw\u00e4chen der \u00f6sterreichischen Restitutionspraxis<\/strong> <\/em>wahrgenommen. K\u00fcnstlerische Initiativen und Ausstellungen, versuchen, das Verm\u00e4chtnis von Ries wieder sichtbar zu machen und Druck auf die Institutionen auszu\u00fcben.<br \/>\nDie Stadt Wien wirkt da wenig engagiert.<\/p>\n<p>Mein <strong>Appell f\u00fcr zuk\u00fcnftige Restitutionsberichte<\/strong> ist daher:<\/p>\n<p><strong>Nehmen sie die Restitution ernst. Gerade jetzt, wo die letzten \u00dcberlebenden langsam sterben, w\u00e4re es dringend notwendig schnell zu handeln. <\/strong><\/p>\n<p>Dh. konkret:<br \/>\n<strong>Es ist zuwenig <\/strong>festzuschreiben, dass herrenlose Objekte an den Nationalfonds \u00fcbergeben werden sollen \u2013 man muss es auch tats\u00e4chlich tun!<\/p>\n<p><strong>Es ist zuwenig<\/strong> jedes Jahr erneut festzustellen, dass die Erben leider ihre Dinge nicht abholen \u2013 es ist an der Zeit sie aktiv zu kontaktieren!<\/p>\n<p><strong>Es ist zu wenig<\/strong>, festzustellen, dass man leider das Testament von Teresa Fedorowa Ries nicht einsehen konnte \u2013 man muss diplomatisch Hebel in Bewegung setzen!<\/p>\n<p>Sonst bleibt der schale Eindruck, dass das Wien Museum ein arisiertes Objekt als Eigentum vermarktet.<\/p>\n<p>Kurz <strong>es ist zuwenig<\/strong> sich auf ehemaligen Erfolgen auszuruhen.<\/p>\n<p>Wer <strong>Restitution ernst meint<\/strong>,<\/p>\n<p>wer ernsthaft versucht ehemalige Verbrechen zu ahnden, zumindest was verlorene Objekte betrifft, der muss mehr in die G\u00e4nge kommen!<\/p>\n<p>Ich hoffe auf mehr Engagement beim n\u00e4chstj\u00e4hrigen Restitutionsbericht und in der Provenienz Arbeit dazwischen!<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Vorsitzende, sehr geehrte Frau Stadtr\u00e4tin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, Wir werden der Kenntnisnahme zum Restitutionsbericht zustimmen \u2013 weil ehrlich gesagt, gelesen habe ich den Bericht ja. 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