{"id":1246,"date":"2021-10-04T09:06:43","date_gmt":"2021-10-04T07:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ursulaberner.at\/webauftritt\/?p=1246"},"modified":"2021-10-07T09:24:03","modified_gmt":"2021-10-07T07:24:03","slug":"rede-zur-eroeffnung-des-juedischen-filmfestivals-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ursulaberner.at\/webauftritt\/rede-zur-eroeffnung-des-juedischen-filmfestivals-in-wien\/","title":{"rendered":"Rede zur Er\u00f6ffnung des J\u00fcdischen Filmfestivals in Wien"},"content":{"rendered":"<p>Guten Abend,<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen zu allererst Gr\u00fc\u00dfe und Gl\u00fcckw\u00fcnsche \u00fcbermitteln: Vizekanzler Werner Kogler gratuliert zu<a href=\"https:\/\/www.jfw.at\/\"> 30 Jahren J\u00fcdisches Filmfestival<\/a> und auch Staatsekret\u00e4rin Andrea Mayer gratuliert, obwohl sie leider nicht hier sein kann.<\/p>\n<p>Sie ist auf dem Weg zum ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo morgen die neu gestaltete \u00d6sterreich Ausstellung er\u00f6ffnet wird. Eine Ausstellung, in der vor Ort erstmals vom Nachkriegsnarrativ von \u00d6sterreich als reinem Opfer der Nazis Abstand genommen wird. Stattdessen wird hier jetzt auch die Mitt\u00e4terschaft von vielen \u00d6sterreicherinnen und \u00d6sterreichern an den Gr\u00e4ueln und der Verfolgungen thematisiert.<\/p>\n<p>30 Jahre J\u00fcdisches Filmfestival, das ist ein Grund zum Feiern. Schon 30 Jahre pr\u00e4sentieren sie Einblicke ins j\u00fcdische Leben, in j\u00fcdische Geschichte und j\u00fcdische Erfahrungen im Alltag \u2013 das j\u00fcdische Filmfestival ist ein wichtiger Teil des Wiener Kulturlebens geworden.\u00a0 Danke daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Das heurige Motto \u201eTrotzdem\u201c verweist aber auch auf die zweite Seite der Medaille, TROTZDEM verweist darauf, dass bis heute gesellschaftlich noch nicht erreicht werden konnte, was sich die Gr\u00fcnder 1991 erhofft hatten.<\/p>\n<p>Lassen sie uns, lassen mich, die ich Historikerin bin, kurz zur\u00fcckblicken: Was war die Situation 1991?<\/p>\n<p>Es war das 5. Jahr von Kurt Waldheim als Bundespr\u00e4sident,<\/p>\n<p>Bundeskanzler Franz Vranitzky hatte in Reaktion auf den skandal\u00f6sen Haider-Sager von der \u201eordentlichen Besch\u00e4ftigungspolitik im 3. Reich\u201c seine ber\u00fchmt gewordene Rede zu \u00d6sterreichs Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus gehalten.<\/p>\n<p>Und er hatte sich bei den Opfern und ihren Nachkommen namens der \u00f6sterreichischen Republik im Parlament entschuldigt.<\/p>\n<p>Drei Monate sp\u00e4ter startete dieses Festival als J\u00fcdische Filmwoche.<\/p>\n<p>J\u00f6rg Haider hatte als K\u00e4rntner Landeshauptmann gehen m\u00fcssen und kam wieder.<\/p>\n<p>Das kann man auch bildhaft lesen, f\u00fcr die ganze Thematik der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung. Es gibt leider keinen linearen Fortschritt in den Lehren, die wir aus der Katastrophe des Nationalsozialismus gezogen haben: Es ist keineswegs immer besser geworden.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns jeden einzelnen Tag dem B\u00f6sen entgegenstellen, wie es Michael K\u00f6hlmeier in seiner beeindruckenden Rede 2018 im Parlament genannt hatte,<\/p>\n<p><strong>wir m\u00fcssen uns jeden einzelnen Tag dem B\u00f6sen entgegenstellen \u2013 dem Antisemitismus, dem Rassismus, dem Autoritarismus, der Verrohung der Worte und der Taten.<\/strong><\/p>\n<p>Kultur spielt dabei eine essentielle Rolle. Festivals wie dieses hier schaffen Diskurs und Reflexion und damit eine wertvolle Basis f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Kultur alleine aber kann die Aufgabe nicht stemmen.<\/p>\n<p>Wir haben mit der im J\u00e4nner von der Bundesregierung pr\u00e4sentierten \u201e<a href=\"https:\/\/www.parlament.gv.at\/PAKT\/VHG\/XXVII\/III\/III_00256\/imfname_886249.pdf\">Nationalen Strategie gegen Antisemitismus<\/a>\u201c ein sehr ambitioniertes Paket bekommen, das von der St\u00e4rkung zivilgesellschaftlicher Initiativen, \u00fcber die Bildung bis in die Strafverfolgung reicht. Doch bis das \u2013 hoffentlich \u2013 nachhaltig wirkt, wird es noch Zeit und viele Anstrengungen ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>2021 stehen wir wieder einem massiven Anstieg von Rechtsextremismus und vor allem von Antisemitismus gegen\u00fcber: Die Antisemitismus-Meldestelle der IKG berichtete f\u00fcr das erste Halbjahr 2021 von mehr als einer Verdoppelung der ihr gemeldeten Vorf\u00e4lle und von einem H\u00f6chststand seit ihrem Bestehen \u2013 also w\u00e4hrend der letzten 20 Jahre.<br \/>\nAuch die polizeilich erfassten rechtsextremen Tathandlungen sind in den ersten 6 Monaten2021 kr\u00e4ftig angestiegen, n\u00e4mlich um 41% im Vergleich zum ersten Halbjahr im Jahr davor.<\/p>\n<p>Und: Wien ist massiv betroffen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, weil viele Vorf\u00e4lle w\u00e4hrend der hier abgehaltenen gro\u00dfen Demonstrationen gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen verzeichnet wurden, aber nicht nur deshalb.<\/p>\n<p>Was wir uns dabei immer vor Augen halten m\u00fcssen:<\/p>\n<p>Die gemeldeten Vorkommnisse und die erfassten Straftaten sind nur die Spitze des Eisbergs.<\/p>\n<p><strong>Der Grad des Antisemitismus ist ein Seismograph unserer Gesellschaft:<\/strong><\/p>\n<p>In krisenhaften Zeiten steigt er.<\/p>\n<p>\u201eDie Juden\u201c \u2013 direkt benannt oder \u00fcber Codes wie die \u201eglobalistische Elite\u201c, Georg Soros oder Israel \u2013 sie stecken angeblich hinter der Pandemie, wie wir zuhauf lesen und h\u00f6ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>So schnell konnten wir gar nicht schauen, wie die alten Feindbilder als vermeintlich Schuldige dieser Pandemie wieder ausgegraben wurden. Und was als besonders geschichts-vergessen oder auch als besonders perfide einzuordnen ist: Diejenigen, die den Antisemitismus befeuern, stellen sich im selben Atemzug den Opfern der Shoa gleich und relativieren somit das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen der Menschheitsgeschichte.<\/p>\n<p>Das heurige Festival hat einen bewussten und relevanten Schwerpunkt auf <a href=\"https:\/\/www.jfw.at\/antisemitismus-teil-der-volkskultur\">Karl Lueger und den Antisemitismus<\/a> gelegt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lueger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1172 alignnone\" src=\"https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lueger-165x300.jpg\" alt=\"M\u00e4dchen mit rotem Mantel vor Lueger Statue\" width=\"165\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lueger-165x300.jpg 165w, https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lueger.jpg 528w\" sizes=\"auto, (max-width: 165px) 100vw, 165px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir alle werden uns wieder die Frage stellen m\u00fcssen, wie es sein kann, dass im Jahr 2021 einem Antisemiten ein gro\u00dfer zentraler Platz der Stadt gewidmet ist. Und wie wir damit umgehen sollen.<\/p>\n<p>Von einem bin ich jedenfalls \u00fcberzeugt: dass es mit einer Zusatztafel allein nicht getan ist.<\/p>\n<p>Ein herausragendes Beispiel wie eine Intervention gut gelingen kann, ist f\u00fcr mich das Mussolini-Relief in Bozen am ehemaligen \u201eHaus des Faschismus\u201c. Hier ist unter der Darstellung von Mussolini der Leitspruch der italienischen Faschisten angebracht: Credere, obbedire, combattere\u201c \u2013 \u201eGlauben, gehorchen, k\u00e4mpfen\u201c.<\/p>\n<p>Als Antithese dazu leuchtet seit 2017 \u00fcber dem Relief ein Zitat der j\u00fcdischen Intellektuellen Hannah Arendt: \u201e<strong>Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen<\/strong>.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_1249\" style=\"width: 468px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Mussolini-Bozen-Hannah-Arendt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1249\" class=\" wp-image-1249\" src=\"https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Mussolini-Bozen-Hannah-Arendt-300x171.jpg\" alt=\"Hannah Arendt Schriftzug \u00fcber Mussolini Relief am Haus des Faschismus in Bozen\" width=\"458\" height=\"261\" srcset=\"https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Mussolini-Bozen-Hannah-Arendt-300x171.jpg 300w, https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Mussolini-Bozen-Hannah-Arendt-768x439.jpg 768w, https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Mussolini-Bozen-Hannah-Arendt-676x386.jpg 676w, https:\/\/ursulaberner.at\/webauftritt\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Mussolini-Bozen-Hannah-Arendt.jpg 840w\" sizes=\"auto, (max-width: 458px) 100vw, 458px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1249\" class=\"wp-caption-text\">Quelle \u00a9 Ansa\/Gemeinde Bozen<\/p><\/div>\n<p>M\u00f6ge dieses Festival, m\u00f6gen die hier gezeigten Filme und die Diskussionen ein Ansto\u00df f\u00fcr jenen Ungehorsam sein, den Hannah Arendt gemeint hat. Und m\u00f6gen sie auch Ansto\u00df sein, die Erinnerungspolitiken und manche Erinnerungsorte dieser Stadt zu \u00fcberdenken \u2013 NEU zu denken und NEU zu gestalten.<\/p>\n<p>Danke an alle, die diese Veranstaltungen m\u00f6glich gemacht haben und<\/p>\n<p>danke an alle, die daran mitwirken!<\/p>\n<p>Shalom Oida!<\/p>\n<p>(Dank an Andrea Stangl f\u00fcr die Zusammenarbeit)<\/p>\n<p><em>Zur Diskussion zum Lueger Denkmal habe ich <a href=\"http:\/\/www.ursulaberner.at\/webauftritt\/die-helden-vom-sockel-stossen-ein-plaedoyer-fuer-eine-neukonzeptionierung-der-erinnerungspolitik-in-wien\/\">einen eigenen Beitrag<\/a> geschrieben.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guten Abend, Ich m\u00f6chte Ihnen zu allererst Gr\u00fc\u00dfe und Gl\u00fcckw\u00fcnsche \u00fcbermitteln: Vizekanzler Werner Kogler gratuliert zu 30 Jahren J\u00fcdisches Filmfestival und auch Staatsekret\u00e4rin Andrea Mayer gratuliert, obwohl sie leider nicht hier sein kann. 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