{"id":1168,"date":"2021-05-25T09:02:40","date_gmt":"2021-05-25T07:02:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ursulaberner.at\/webauftritt\/?p=1168"},"modified":"2021-10-05T12:44:49","modified_gmt":"2021-10-05T10:44:49","slug":"die-helden-vom-sockel-stossen-ein-plaedoyer-fuer-eine-neukonzeptionierung-der-erinnerungspolitik-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ursulaberner.at\/webauftritt\/die-helden-vom-sockel-stossen-ein-plaedoyer-fuer-eine-neukonzeptionierung-der-erinnerungspolitik-in-wien\/","title":{"rendered":"Die Helden vom Sockel sto\u00dfen \u2013  ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Neukonzeptionierung der Erinnerungspolitik in Wien"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Der \u00f6ffentliche Raum ist, wo wir als Gesellschaft zusammenkommen:<\/p>\n<ul>\n<li>Wem wird hier Platz geboten?<\/li>\n<li>Warum stellen wir (alte) wei\u00dfe M\u00e4nner in Stein oder Bronze im \u00f6ffentlichen Raum auf?<\/li>\n<li>Wer wird damit Teil der offiziellen Erinnerung, der offiziellen Geschichte der Stadt?<\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Antike Tradition<\/strong><\/p>\n<p>Nach den in Stein gehauen G\u00f6ttern und G\u00f6ttinnen der Antike begannen Feldherren und Imperatoren sich selbst gott\u00e4hnlich und damit unhinterfragbar in den \u00f6ffentlichen Raum zu platzieren. Hier sollte jedem Vorbeikommenden klar gemacht werden, wer hier was zu sagen hat. Diese Tradition der Heldenverehrung hat sich in der westlichen Welt zumindest bis in Mitte des letzten Jahrhunderts erhalten.<\/p>\n<p><strong>Statuen heute<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen hat sich der <strong>\u00f6ffentliche Diskurs<\/strong> so weit ver\u00e4ndert, dass es kaum mehr m\u00f6glich ist, aktuelle W\u00fcrdentr\u00e4ger*innen, Politiker*innen (in westlichen demokratischen Gesellschaften) oder K\u00f6nig*innen als Statuen im \u00f6ffentlichen Raum zu platzieren &#8211; und damit den sie umgebenden Raum als den ihren zu definieren. Ganz im Gegenteil, Heldenstatuten werden <strong>gekippt<\/strong>, wie im Zuge der &#8222;<strong>Black Lives-Matter Demonstrationen<\/strong>&#8220; in den USA oder ironisiert wie die <strong>Trumpstatuen<\/strong> in New York und London.<\/p>\n<p><strong>Verehrung statt Kontext?<\/strong><\/p>\n<p>Eine demokratische Stadt im 21. Jahrhundert, als welche sich Wien versteht, muss sich deshalb die Frage stellen \u2013 wie sie die Geschichte der Stadt und der hier Lebenden erinnern will.<\/p>\n<p>Ist die patriarchale Heldenverehrung vergangener Jahrhunderte noch das Mittel der Wahl?<\/p>\n<p>Ist das Pr\u00e4sentieren mehr oder weniger umstrittener Pers\u00f6nlichkeiten, mittels bombastischer Sockel auf \u00dcberlebensgr\u00f6\u00dfe erh\u00f6ht, in Heldenpose, die Form der Geschichtsbetrachtung, die wir aufrechterhalten und k\u00fcnftigen Generationen vermitteln wollen? Kann so eine Pose die Komplexit\u00e4t einer Person und ihrer Taten bzw. ihre Zeit tats\u00e4chlich darstellen?<\/p>\n<p><strong>Ich sage nein!<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4testen seit den 1980er Jahren hat sich in der Geschichtswissenschaft in \u00d6sterreich eine Abkehr von <strong>Majest\u00e4tsgeschichte<\/strong> durchgesetzt: Geschichte wird von vielen gemacht! So muss sie auch erz\u00e4hlt werden. Um ein umfassendes Bild einer Epoche zu erreichen, m\u00fcssen wir verschiedene Blickwinkel, verschiedene Erfahrungshorizonte zulassen und herausstreichen. Wenn Geschichte nicht verstaubt und entfernt wirken soll, braucht sie st\u00e4ndigen Diskurs und <strong>Interdisziplinarit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erinnerungspolitik muss\u00a0 Auseinandersetzung motivieren<\/strong>.<\/p>\n<p>Eine moderne, demokratische Erinnerungspolitik muss sich trauen, die Denkm\u00e4ler des 19. Jahrhunderts in Frage zu stellen. Noch besser, sie aus dem \u00f6ffentlichen Raum zu entfernen, um wieder <strong>Platz f\u00fcr Neudefinitionen<\/strong> frei zu machen.<\/p>\n<p>Statt Statuten zur Repr\u00e4sentation von Macht, F\u00fchrung und Erhabenheit einzelner \u00fcber viele, braucht es \u00f6ffentliche Diskursr\u00e4ume. Es braucht immer wieder neue Interventionen an historisch relevanten Orten.<\/p>\n<p><strong>Lueger in den Skulpturengarten<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb pl\u00e4diere ich daf\u00fcr, Statuten von konkreten Pers\u00f6nlichkeiten in Wien aus dem \u00f6ffentlichen Raum zu verbannen \u2013 an einen gemeinsamen Erinnerungsort. Ein <strong>Skulpturengarten der Geschichte<\/strong> der alten wei\u00dfer M\u00e4nner (und der ganz wenigen Frauen). Dort k\u00f6nnen die Statuten kontextualisiert und in Verbindung zueinander gebracht werden, das <strong>Machtgeflecht<\/strong> kann erl\u00e4utert werden. Die vergangenen Heldenposen k\u00f6nnen dort als das decouvriert werden, was sie sind: Konstrukte, die es zu \u00fcberwinden gilt. Selbst, wenn es wohl schwer gelingen kann, die gesamte Komplexit\u00e4t einer politischen Figur zu erfassen \u2013 schafft die Form der Darstellung in einem Skulpturengarten auch symbolisch einen klaren Rahmen f\u00fcr die Rezeption: Was hier gezeigt wird, ist <strong>konstruiert<\/strong>. Es ist ein zusammengesetztes St\u00fcckwerk aus Schlaglichtern auf Einzelpositionen.<\/p>\n<p>Vor Ort k\u00f6nnten dann &#8211; wie im Fall Lueger &#8211; die Sockel der einstmaligen Verehrung stehenbleiben.<\/p>\n<p><strong>Ein Sockel ohne Helden.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Leerstellen laden jetzige Betrachter*innen ein, sich in Beziehung zu setzen und Fragen zu stellen. Diese Leerstellen laden ein, unterschiedliche Perspektiven zu wagen und Kontexte zu verhandeln: zur Geschichte der Stadt im Allgemeinen, zur konkreten Person und zu spezifischen Erinnerungsorten im Speziellen.<\/p>\n<p><strong>Leerstellen sind ein Kommunikationsangebot.<\/strong><\/p>\n<p>Sie geben Raum, um beispielsweise den Antisemitismus und seine Verankerung in der Stadtgeschichte zu reflektieren.<\/p>\n<p>Leerstellen erzeugen Spannung und machen neugierig.<\/p>\n<p>Ohne Neugier kann kein Geschichtsbewusstsein entstehen.<br \/>\nOhne M\u00f6glichkeit f\u00fcr heutige Bewohner*innen die kollektive Erinnerungserz\u00e4hlung mitzuschreiben, werden Denkm\u00e4ler vergangener Generationen zu gesichtslosen Steinhaufen.<\/p>\n<p><strong>Lebendige Erinnerungskultur braucht st\u00e4ndige Auseinandersetzung.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lebendige Erinnerungskultur braucht den \u00f6ffentlichen Diskurs.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Text ist im Rahmen der regelm\u00e4\u00dfigen Aktion der Gr\u00fcnen Innere Stadt &#8222;<a href=\"ttps:\/\/innerestadt.gruene.at\/rotermantel\">Das M\u00e4dchen mit dem roten Mantel<\/a>&#8220; zur Kontextualisierung des Luegerdenkmals entstanden.\u00a0 Die Gr\u00fcnen Innere Stadt \u00f6ffenen auch ihre Website als <a href=\"https:\/\/innerestadt.gruene.at\/gedenkkultur\">Diskursplattform zur Erinnerungskultur<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00f6ffentliche Raum ist, wo wir als Gesellschaft zusammenkommen: Wem wird hier Platz geboten? 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