ursula berner

beobachtungen, ideen, tipps

Schlagwort: Provokation

Ja, es kann auch ein bissl mehr sein! Kulturpolitik als Triebfeder gegen einen identitären Kulturbegriff ist möglich

Ja, da geht noch was, aber die gähnende Leere in der Wiener Kulturpolitik kann ich ehrlich nicht sehen – es gibt ein sehr diverses Angebot auf unterschiedlichsten Ebenen – von Straßenkunst bis Theater in der Josefstadt, von Wienwoche bis Symphoniker, von Wave bis Rhiz, von Brut über Ragner Hof zum Wuk und da sind die ganzen Klein- und Mittelbühnen nicht genannt … alle arbeiten sich mit unterschiedlichsten Mitteln an der aktuellen politischen Situation ab.

Was ich sehen kann ist, dass die Angebote innerhalb Wiens sehr ungleich verteilt sind, dass Veränderungen noch zu langsam gehen, dass die großen Tanker Themen wie Zuwanderung, Zusammenleben, Konflikt von Einbinden und Ausgrenzen, zwar spielen, aber die Erkenntnisse noch nicht in die eigenen Strukturen einbauen; dh. RegisseurInnen, SchaupielerInnen, Programm sind noch immer vorwiegend bildungsbürgerlich geprägt.

Aber Neuorientierung findet statt. Mit Anna Badora kommt eine Intendantin nach Wien, deren spezifisches Anliegen es ist „bildungsferne Schichten das Theater als Begegnungsort über soziale Barrieren hinweg“ zu etablieren. Auch Thomas Zierhofer-Kin versteht sich gern als Stachel im Fleisch der Hochkultur – man wird mehr wissen, wenn die beiden ein Jahr gearbeitet haben.

Daneben sind gerade in Wien in den letzten Jahren einige dezentrale kulturelle Begegnungsräume entstanden, die zeigen wie Kultur auch partizipativ und politisierend funktionieren kann, wie die Brunnenpassage, Soho Ottakring oder die Wienwoche.

Es ist noch nicht genug! Wir brauchen mehr offene Räume für unterschiedliche kulturelle Aktivitäten in den Außenbezirken, auch fernab der Eventkultur, wir brauchen mehr Orte, wo junge KünstlerInnen sich ohne finanzielles Risiko ausprobieren können, und wir brauchen Verbesserungen in den Förderstrukturen: Vereinfachung der Ansuchen, klare Ausschreibung der Förderkriterien, thematisch besser fokussierte Calls, mehr Einbindung zivilgesellschaftlicher ExpertInnen in Jurys .

Wir brauchen im Kulturbudget mehr Spielraum um auf Neuentwicklungen zu reagieren. Und gerade im Bereich der Stadtentwicklung brauchen wir eine intensive spartenübergreifende Zusammenarbeit. Wenn – wovon wir ausgehen – Wien in den kommenden Jahren um die Größe von Graz wächst, werden wir von Anfang an auch kulturelle Infrastruktur Maßnahmen mitdenken müssen. Es braucht Mittel um sinnvolle, nachhaltige moderne Konzepte zu entwickeln, die für die neue hinziehende Bevölkerung von Anfang an „Orte der Begegnung“ schaffen: am besten so , dass diese vor Ort wachsen und weiterentwickelt werden können. Die Ideen sind da, die Themen sind da, gute Kulturpolitik hat die Aufgabe sensible zu bleiben für gesellschaftliche Veränderungen, kritische Stimmen zu hören und zu beachten und innovative Menschen zu motivieren ihre Ideen umzusetzen. Dafür werde ich mich in den nächsten Jahren stark machen.

Die „Clash of Civilations“ Debatte stützt in diesem Zusammenhang die Idee einer „gemeinsamen Leitkultur“. Die halte ich ein einer sich ständig verändernden Gesellschaft für fraglich. Und vor allem glaube ich nicht, dass Kulturpolitik so etwas wie eine Leitkultur setzen soll und kann. Wir PolitikerInnen sind aufgerufen aktuelle Diskurse wahrzunehmen und Räume für gewaltfreie Auseinandersetzung zu schaffen – für die freie Szene genauso wie für etablierte Institutionen.

Antwort auf Martin Wassermair: Kulturkampf – Kopf in den Sand? Freiheitlicher Kulturbegriff auf identitärem Feldzug Von Martin Wassermair. Erschienen in: Salzburger Kulturfenster, Ausgabe 10/2015

 

Salzburger Wogen als Vorboten für Wiener Umwälzungen?

Egal wie die politisch man die Intervention der Bläser bei Jedermann in Salzburg diesen Sommer bewertet, was folgte gibt einen Vorgeschmack, wie sich Kulturpolitik sich verändern kann und wird, sollte die FPÖ auch anderswo – in Wien zum Beispiel – Regierungsverantwortung bekommen.

Das Zitat der Internationalen hat das Publikum so irritiert, dass sich die Festspielleitung gezwungen sah „klaren Tisch“ zu machen und sich jedweden politischen Aktionismus bei den Salzburger Festspielen zu verbieten. Auch wenn wir in keiner Diktatur leben, – für die Cornelius Obonya derartige Interventionen gerechtfertigt fände – kann man schon aus den Nachwehen zur kleinen Intervention ablesen, wie Kulturpolitik in Zukunft stattfände, wenn die FPÖ in Wien „an die Macht“ käme. Es wird sofort interveniert und die Festivalleitung muss innerhalb weniger Stunden „Ordnung“ schaffen. Was wird aus der Freiheit der Kunst?

Es geht mir weniger um die Form des „Protests“ der Musikerinnen, als vielmehr um die (Einfluss-)Strukturen, die hier offensichtlich werden. Innerhalb weniger Stunden

Blicken wir zurück: Kärnten 1999 unter Jörg Haider. Dieser bestellte sich selbst zum Kulturreferenten, setze die Kulturamtsleitung außer Kraft, und machte Kultur damit zur „Chefsache“ – unterstützt von Andreas Mölzer als Berater, entschied er ab nun was Kultur im Land Kärnten sei: viel zeitgenössischen Kulturschaffenden wurden nicht mehr gefördert. Das Landesbudget stieg in der Sparte Brauchtumpflege und Volkskultur innerhalb von 11 Jahren um 120%, während die Ausgaben für freies Theater konstant zwischen 0,54 und 0,99% der Landes-Kulturbudgets grundelten. Und das obwohl Kärnten ein fortschrittliches Kulturfördergesetz hatte, das 2009 gemeinsam mit den freien Gruppen ausverhandelt worden war. Es wurde nicht exekutiert.

Insgesamt stieg das Kultur-Budget von 19 Mio im Jahr 2000 auf 37 Mio im Jahr 2011. Investiert wurde davon in Großevents und die Wörtherseebühne, die kleineren Kulturinitiativen erfuhren keine Erhöhungen.

Auf Wien umgelegt muss man wohl davon ausgehen, dass – in Anbetracht der angespannten Budgetsituation – mit massiven Kürzungen gerechnet werden kann. Abgeleitet aus dem FPÖ agieren auf Bezirksebene, müssen wir uns dann wohl auf Volksfeste, Blasmusik und Traditionspflege einstellen.

Von innovative Projekte, sozialkritische Auseinandersetzung, Inklusion in den Kulturbetrieb von allen, die hier leben, können wir dann allerhöchstens träumen.

 

Es gibt bislang kein dezitiertes Kulturprogramm der FPÖ für Wien, hier deshalb nur ein Auszug aus ihrem Parteiprogramm von 2011, der recht allgemein bleibt:

Unsere abendländische Kultur ist reichhaltig und vielfältig. Sie verbindet die europäischen Kulturnationen. Der Erhalt unserer Kulturdenkmäler hat dabei für uns hohe Bedeutung.

Es gilt, ausgehend vom hohen erreichten Niveau, die freie Weiterentwicklung unserer eigenen Kultur zu ermöglichen und unsere Muttersprache als wichtigstes kulturstiftendes Element zu schützen.

Hauptaufgabe der Kulturpolitik ist die Förderung der Weiterentwicklung des kulturellen Reichtums unserer Gesellschaft. Dabei hat die Politik lediglich die Rahmenbedingungen zur Gewährleistung der Freiheit und Vielfalt der Kunst zu schaffen, da sich diese Vielfalt durch individuelle künstlerische Leistung entwickelt.“

Gute Kulturpolitik macht Gesellschaft demokratisch – deshalb kandidiere ich für die Wiener Gemeinderatsliste

Es war George Taboris „Kreis“, in dem er Opfer und Täter des Nationalsozialismus ins Publikums setzte und inszeniert miteinander ins Gespräch brachte. Es war Thomas Bernhards „Heldenplatz“ – der die „G‘schnitzten“ so erzürnte, dass sie vom Rang herunter pfiffen und brüllten und schließlich einen stinkenden Misthaufen vor dem Burgtheater platzierten. Kunst und hier Theater ist für mich immer politisch – Ort und Möglichkeit für öffentliche Aushandlung von Konflikten – sublim oder konkret, jedenfalls hoch emotional. Meine Schule der Demokratie.

Eine urbane Gesellschaft braucht Kultur und eine Politik, die sich für sie stark macht. Sie ist grundlegender Bestandteil des „guten Leben für alle“ im Zentrum wie in den Stadterweiterungsgebieten. Kultur muss deshalb von Anfang an in der Planung mitgedacht werden.

Als Vorsitzende der Kulturkommission in Neubau kämpfe ich seit Jahren mit der angespannten finanziellen Situation für Kulturtreibende in Wien. Aber ich weiß auch, dass gezielte Förderpolitik wirkt: wir haben 70% der Anträge und Förderungen von und für Frauen, Kunst im öffentlichen Raum als niederschwelliges Angebot, interkulturelle Projekte, Atelierrundgänge und Frauennamen im öffentlichen Raum festgeschrieben.

Für Wien will ich leicht zugänglich Orte, die flexibel bespielt werden -Stichwort: Leerstand. Ich will eine nachhaltige, echte Reform der Förderstruktur: mehr zeitgenössische AutorInnen auf den großen Wiener Bühnen, mehr Transparenz und Vereinheitlichung bei Vergabekriterien auf Landes- und auf Bezirksebene, gerechte Förderungen für Neue Medien und Film! Ich will mehr Fördermöglichkeiten für Bildende Künstlerinnen. Ich will ein innovatives Kinder- und Jugendtheater, das Lust macht sich einzubringen. Faire, demokratische Kulturpolitik formt, lässt zu und inspiriert. Dafür setze ich mich ein.

 mehr zu meiner Person:

Porno, Kunst und die Geldmisere

@http://diepresse.com/home/kultur/kunst/542039/Lokalaugenschein_Der-Swingerclub-in-der-Secession?_

Der Kunst geht’s nicht gut: privates Sponsoring ist begrenzt in Österreich und auch die öffentlichen Stellen neigen in Zeiten der Wirtschaftskrise vermehrt dazu zu knausern… Übrig bleiben die Künstlerinnen und Künstler, die bereit sind unter Selbstausbeutung, im besseren Fall zum Gegenwert vom Material, im schlechteren nur für die Sache selbst zu arbeiten.

Lust im halböffentlichen Kunstraum genossen als Geldbeschaffungs-Instrument.

Neubau hat einen Export zu berichten: Von hier stammt die Basis für die aktuelle Kunstaktion in der Secession: Element6 ist ein Club aus Neubau.

Vögeln für die Kunst  – eine neue Form der Charityparty ?

… wenn gar nichts mehr geht, bleibt nur mehr der Körper übrig zum Verkauf. Als reines Anschauungsobjekt oder in der Steigerung für Sex: Geldbeschaffung durch vorgespiegelte oder echte Lust .

Das passiert zur Zeit in der Secession: Quasi als mehrwöchige Charityparty öffnet hier des nächtens der Club Element6 seine Pforten. Lust im halböffentlichen Kunstraum genossen als Geldbeschaffungs-Instrument.

Der Kunst geht’s nicht gut: privates Sponsoring ist begrenzt in Österreich und auch die öffentlichen Stellen neigen in Zeiten der Wirtschaftskrise vermehrt dazu zu knausern… Übrig bleiben die Künstlerinnen und Künstler, die bereit sind unter Selbstausbeutung, im besseren Fall zum Gegenwert vom Material, im schlechteren nur für die Sache selbst zu arbeiten.

Sie leisten viel für uns alle: Sie kommentieren die Gesellschaft, die Politik, sie regen  an nach zu denken, neue Wege zu gehen, sie provozieren Diskussion. Wenn´s weniger gut gelingt, bleibt´s stecken im reinen Amüsement.

Wenn´s gut gelingt dann reden alle drüber: die Zeitungen, die Politik und die Menschen in der Straßenbahn. Wenn´s noch besser gelingt, schafft die öffentliche Debatte Veränderung.

Der Diskurs jedenfalls ist gelungen. Welche Veränderung wird sich noch zeigen.
Viele erbosen sich über das Oberflächliche. Kramen die doppelbödige christliche Moral der 50er Jahre hervor: Sex hat privat zu erfolgen, möglichst geheim und nur zur Fortpflanzung.
In Räumlichkeiten, die schon vor 100 Jahren mit erotischen Bildern geschmückt wurden (Gustav Klimt), wirkt das absurd. Kunst muss provozieren. Erotik ist ein fixer Bestandteil der Kunst, keine Frage.

Wer sich in der Secession erotisierten lässt, ist freiwillig da, über 18 Jahre alt, und hat Eintritt bezahlt. Ein Eintritt, der nicht irgendwelchen dunklen Gestalten zu gute kommt, sondern den Nachfolgern von Gustav Klimt. Künstlerinnen und Künstlern also und einem Haus, das Tradition hat darin, als KünstlerInnen-Kollektiv selbstständig zu entscheiden, was wann wie gezeigt wird.

Diesmal zeigen sie deutlich und mit Biss wie weit KünstlerInnen heute zu gehen bereit sein müssen, in einer Gesellschaft, deren wichtigstes Interesse nur noch der eigene Lustfaktor ist. Ihre Performance ist kritisch. Sie ist außerdem interaktiv.
Wer das genau bedenkt, und merkt welches Spiel er oder sie hier mitspielt, dem könnte die Lust fast vergehen….

Aber andererseits, man tut´s ja für die gute Sache. Und wem das ganz zu wieder läuft, kann auch untertags kommen, zur Unterstützung.

P.S.: Der nächste Aufreger für Kunst im Öffentlichen Raum startet in Neubau übrigens am Donnerstag den 4. März im Museumsquartier:
Bar Rectum/ Bikini/ Darwin
Begehbare Kunst in Form von überdimensionalen Körperteilen mitten im öffentlichen Raum.
Mehr Info www.kultur-online.net/?q=node/11261&nlb=1

© 2018 ursula berner

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